Dass das neue Jahr begonnen hat, lässt sich aller spätestens daran erkennen, dass man eine neue Agenda kaufen muss. Ein paar Tage, vielleicht eine Woche male ich wackelige Gitternetzlinien auf die letzte Seite meines filofax, versehe sie mit Januartagen und versuche so zu leugnen, dass die erste Dekade des neuen Jahrtausends vorüber ist.
Spätestens jetzt kann ich wohl nicht mehr als „ehemalige Studentin“ durchgehen, sondern muss mich vorerst mit meinem Angestelltendasein arrangieren. Nein, ich habe meinen Abschluss 2010 gemacht. Ja, das war letztes Jahr. Nein, ich weiß noch nicht, wann ich meinen Master machen will. Nein, wahrscheinlich nicht im Tourismus. Vor 30? Wird bald knapp! Ich tendiere dazu die Altersgrenze nach oben zu korrigieren, wie das inkonsequente Leute wie ich mit vielen Grenzen tun.
Ich kann immer noch nicht von mir behaupten, dass ich erwachsen geworden wäre, ich erwische mich immer noch, wie ich manchmal denke: „Das will ich machen, wenn ich groß bin.“ Hört das jemals auf? Ich hoffe nicht. Irgendwie ist es ja ein gutes Gefühl, noch nicht alles erreicht zu haben im Leben. Solange es nur vorwärts geht. Immer weiter immer weiter. Und bloß keinen Schritt zurück.
Ich erwarte von mir selbst, dass ich aus der Vergangenheit lerne, dass ich Fehler nicht wiederhole. Ich stelle fest, dass ich wie wohl jeder andere Mensch nicht in der Lage bin, diesen Vorsatz auf alle Bereiche meines Lebens anzuwenden. Und trotz dieses Bewusstseins renn ich offenen Auges immer wieder in die nächste dysfunktionale (zwischenmenschliche) Beziehung. Ich kann mich nur mit dem Wissen trösten, dass das ein allzu menschliches Verhalten ist, und dass ich vielleicht gar nicht besser sein muss (und kann) als alle anderen.
Die Rechtschreibprüfung von Word macht mir gerade wieder allzu schmerzlich bewusst, dass unsere Welt den Bach runtergeht. Das, was der Januarnebel da draußen bis jetzt nicht geschafft hat, schafft der wahnwitzige Vorschlag, „dysfunktional“ doch bitte als „düsfunktional“ zu schreiben. Wenn das das neue Jahrtausend sein soll, na Prost Mahlzeit.
Wenn man sich weigert, neue Dinge zu akzeptieren, bedeutet das dann a) dass man alt wird oder b) dass Manche Neuerungs-Ausdenker einfach nicht alle Tassen im Schrank haben? Im Falle der „Recht“schreibreform 22b die 3. trifft wohl ohne Frage Letzteres zu.
Soviel dazu. Ganz davon ab fällt mir ja auf, dass ein Job in der Dienstleistung eigentlich nichts weiter ist als Sozialforschung Hardcore. Quasi auf dem Schlachtfeld direkt im Dschungel. Was für seltsame Angewohnheiten Menschen in unserer Gesellschaft haben, wird einem nur durch Beobachten richtig bewusst. Dazu gehört, dass man mit offenen Augen durchs Leben geht, was ich jetzt mal pauschal von mir behaupten würde (Sonst würde ich ja nicht seit 2 Jahren an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen von meinen Beobachtungen des alltäglichen Lebens berichten).
Jedenfalls betrachten Mitglieder unserer westlichen Gesellschaft Absperrbänder als eine Art Löwengraben. Wie oft ich schon einen verzagten Touristen um das rote Absperrband herumwinken musste, damit ich ihm die verlangten Unterlagen in die Hand drücken konnte. Mit leisem Stimmchen flüstern sie über die anderthalb Meter „Graben“ hinweg ihre Wünsche, und wagen sich zur auf munteres Zureden näher.
Ganz anders ihre kontinentalen Kollegen, nennen wir sie einmal beispielhaft Russen. Meiner Erfahrung nach herrscht da ein anderes Verständnis von „sozialer Distanz“ (personal space). Eine Wartelinie ist nur dazu da, überschritten zu werden, die Information, die jemand vor einem erhält, muss mitgehört werden, man könnte ja was verpasst. Auch wenn ich diesen verwegenen Umgang mit der Wartelinie durchaus sympathisch finde, so muss es doch halbwegs verstörend sein, wenn man am Tresen einer Information (und nicht etwa einer Bar) steht, und auf einmal den klischeehaft wodkaschwangeren Atem einer älteren (ebenso klischeehaft aber zu 99% zutreffend) pelzbefrackten Matrone im Nacken spürt. Als Tourist hat man es wahrhaft nicht leicht.
Was mich an die interessanteste Aussage eines Touristen mir gegenüber 2010 erinnert, die ich hier nicht unerwähnt lassen möchte: „I hate to be a tourist.“ – No comment.
PS: Nach nochmaligem Durchlesen dieses Beitrags den Titel geändert. Kein Gedanke ausgearbeitet. Alles viel zu kurz. Aber okay. Sehen wir es als Notizen für zukünftige Beiträge.