Very Patient Lady

Ich blinzle in die Sonne, der Winkel ist schon wieder sehr flach, es ist Herbst. Laut Meteorologen die niederschlagärmste Jahreszeit in Wien, und das warme Wetter der letzten Tage gibt ihnen recht. Vorbei der entweder verregnete oder schwüle Sommer. Ich persönlich werde ihn nicht vermissen. Der Herbst ist meine liebste Zeit im Jahr, und ich hoffe, dass er möglichst lang andauert. Nachdem mein Studium nun vorerst abgeschlossen ist, und ich seither Teil der Arbeitswelt bin, die mich zwingt, die öffentlichen Verkehrsmittel während der Stosszeiten zu verwenden, sind gemäßigte Temperaturen und die Abwesenheit von Regen ganz oben auf meiner täglichen Wunschliste.

Mit der U3 zur Herrengasse, mitten in die Altstadt, und von dort zu Fuß über den Michaelerplatz. Ein imperialer Arbeitsweg fürwahr. Ein Sandler schlendert an der Ausgrabung vorbei, er macht einen etwas irritierten Eindruck. Der kurze Moment am Morgen, an dem es schon hell ist, aber noch kein Tourist mit Kamera vor der Hofburg steht, ist wohl so kurz, dass er kaum wahrnehmbar vorüber gegangen ist.

An der Stallburg muss ich warten, bis die Pfleger die Lipizzaner in die gegenüberliegende Hofreitschule geführt haben, und ich komme mir ein wenig seltsam vor, wie in einem Wien-Werbefilm. Gestört wird das Bild durch den Bereiterlehrling, der mit der Jause in der Hand und einem etwas abgehetzten Gesichtsausdruck auf dem Gesicht offensichtlich zu spät hinter den Pferden herrennt.

Weiter gehts vorbei am Palais Palffy, und aus dem Café Palffy weht mir wie jeden Morgen dieser undefinierbare Geruch der alten Kaffeehäuser entgegen. Eine Mischung aus altem Holz, Muff, abgestandenem Bier und Frühstückskrümeln. Dabei aber irgendwie gar nicht so unangenehm. Die Gerüche von Stammtischkneipen und Pubs sind diesem sehr ähnlich. Hinter der nächsten Ecke schimmert schon das grüne Dach der Staatsoper, jetzt sind es nur noch ein paar Schritte.

Mein Job ist interessant in vielerlei Hinsicht. Ich erfahre viel über meine Stadt, lerne bei jeder neuen Frage dazu, habe mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Nationalitäten zu tun. Ich habe immer gewusst, dass ich für einen ob in der Dienstleistung geboren bin, dass es mir Freude bereitet, Probleme zu lösen. Im Laufe eines jeden Tages erlebt man die gesamte Bandbreite an Reaktionen, von absoluter Ignoranz über ein nettes Lächeln und ein “Danke” zu wirklicher Dankbarkeit und echter Freude.

Gestern sagte ein Gast zu mir, nachdem er wohl die ältere Dame vor ihm an meinem Schalter beobachtet hatte, die sich lang und breit über die verschiedenen Künstler in den verschiedenen Ausstellungen in Wiener Museen hatte beraten lassen, “You must be a very patient lady.” Darauf konnte ich nur schief grinsen und nicken, aber Fakt ist, dass Geduld nicht unbedingt eine meiner hervorstechenden Tugenden ist und dass ich mich hier wirklich darin üben kann, ja sogar muss. Man könnte ja meinen, dass die Leute im Urlaub entspannter sind, eher gewillt, eine Minute oder länger zu warten. Jedoch kommt es mir vor, dass auch im Urlaub vieler Menschen die To-Do Liste lang und die Zeit zu knapp ist.

Unverständlich für meine Sicht der Welt sind die: “I have 3 days, what can I do.”-Anfragen. Wenn ich aber darüber nachdenke, wie die Welt heute funktioniert, erscheint das schon gar nicht mehr so abwegig. Diese Art zu Reisen als Amerikanisch abzustempeln, oder als Japanisch, ist bei näherer Betrachtung heuchlerisch. Wir fahren ja auch “In die Karibik”, “nach Südostasien”, “in die USA”. Ein Asiate ist für viele immer noch ein Chinese, in Brasilien spricht man Spanisch und die arabischen Emirate sind da irgendwo in der Wüste und dort gibt es Zelte. Wir tendieren genauso dazu die Vielfalt, die unsere Welt uns zu bieten hat, in größere, leichter begreifliche Einheiten zu stückeln, und nur, weil sich jemand “Europäer” schimpft, ist er nicht automatisch weltgewandter als ein Asiate aus Japan, ein Amerikaner aus New Hampshire oder oder oder…

Diese Vorurteile bestimmen einen grossen Teil unseres alltäglichen Lebens, und ich glaube, niemand ist wirklich frei davon. Man kann nur versuchen, sich dabei selbst zu ertappen, bevor es jemand anderes tut und die eigene Engstirnigkeit bloßgestellt wird. Man geht bisweilen schon davon aus, dass das Gegenüber Vorurteile hat, wie letztens der Mann, der bei einer Hotelreservation fünf Miuten in seiner Tasche nach seinem kanadischen Führerschein sucht, während sein Iranischer Reisepass aus der Vordertasche herausschaut.

Es ist schon krass, dass jemand sich ob seiner Nationalität schämt, wenn er in einem Land wie Österreich ist (wobei das wenig mit Östereich an sich zu tun hat). Das wirft ein schlechteres Bild auf unsere Gesellschaft als auf ihn, dieses Gefühl, das er gehabt haben muss, kann ich selbst gut nachvollziehen. Ich habe genau das selbe auch schon getan, meinen zerfledderten deutschen Pass sicher in der Tasche verwahrt und nach meinem schweizer Führerschein gesucht, obwohl meine Herkunft in dem Moment, wo ich den Mund aufmache, schwer zu verleugnen ist. Und doch, wenn ich mich schon so fühle, wenn es nur um Sticheleien zwischen Nachbarländern geht, in denen – wenn auch gern abgestritten – die gleiche Sprache gesprochen wird, wie muss sich dann jemand fühlen, dessen Heimatland für der Rest der Welt als eine atomare Bedrohung und tickende Zeitbombe wahrgenommen wird?

Bleibt für mich nur die Frage, ob es sich lohnt, meine deutsche Staatsbürgerschaft gegen eine meiner Wahlheimat zu tauschen, wenn mir das im Endeffekt eh niemand abnimmt. Da reichts ja vielleicht auch, wenn ich im Herzen immer mehr Wienerin bleibe :) .

3 Gedanken zu “Very Patient Lady

  1. Birgit sagt:

    Als würde ich dich auf deinem Weg in die Arbeit begleiten.

    • ardain sagt:

      Ja die Wege in Wien :) .

      Heute Morgen war nicht viel zu tun, ich habe schon die letzten 2 Tage Inspiration gefunden und es dann in 15 Minuten runtergeschrieben. Sehe dich heute Abend :)

  2. Wölfchen sagt:

    hey süße, schön, dass du den blog im forum verlinkt hast :) … ich staune und lese fasziniert mit… du weißt mehr, als die meisten… bzw. wagst du es auszusprechen und kleidest deine worte in ein samtweiches gewand, dass sich an die augen schmiegt und begierig betrachtet wird

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